Finanzmarktkommentar

Europas Deindustrialisierung schadet dem Klima

Die Industrieproduktion in der EU zeigt seit Jahrzehnten eine strukturelle Schwäche. Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes am BIP ist von rund 20 Prozent im Jahr 1990 auf etwa 15 Prozent gesunken. Neben Sondereffekten wie der Covid-19-Pandemie und den stark gestiegenen Energiepreisen infolge des Ukraine-Krieges haben auch regulatorische Verschärfungen und teils auch ambitionierte Klimaziele zu diesem Trend beigetragen. Instrumente wie der EU-Emissionshandel treiben die Preise für CO₂-Emissionen nach oben. Das ist ordnungspolitisch nachvollziehbar: Wer Emissionen verursacht, soll dafür zahlen und dadurch Anreize für Effizienz und saubere Technologien erhalten.

Doch hier liegt ein strukturelles Dilemma. Die EU steht heute nur noch für knapp sechs Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen, während China rund ein Drittel des globalen Ausstoßes verantwortet. Wenn energieintensive Produktion in Europa aufgrund hoher Energie- und CO₂-Kosten nicht mehr wettbewerbsfähig ist, verlagern Unternehmen ihre Fertigung in Drittstaaten mit weniger strengen oder günstigeren Klimaregeln. Dieser als „Carbon Leakage“ bezeichnete Effekt führt dazu, dass die Emissionen innerhalb Europas zwar sinken, global jedoch umso stärker steigen.

Die Logik dahinter ist einfach: Wird Produktion ins Ausland verlagert, entstehen die Emissionen dort – sie verschwinden nicht, sondern tauchen lediglich in einer anderen Statistik auf. In wichtigen Zielländern wie China ist die Stromerzeugung nach wie vor stark kohlebasiert. Entsprechend höher ist die CO₂-Intensität vieler Industrieprozesse im Vergleich zur EU. Das Beispiel der Stahlproduktion zeigt dies anschaulich: Während in Europa und den USA im Schnitt weniger als zwei Tonnen CO₂ pro Tonne Rohstahl anfallen, liegen die Emissionen in China häufig deutlich über zwei Tonnen. Die globale Klimabilanz verschlechtert sich also, wenn Produktion aus vergleichsweise klimaeffizienten Standorten abwandert.

Hinzu kommt, dass außerhalb der EU oft keine oder nur sehr niedrige CO₂-Preise gelten. In Teilen Chinas liegt der implizite CO₂-Preis nur bei einem Bruchteil dessen, was europäische Unternehmen im Emissionshandel zahlen. Das verzerrt den Wettbewerb zugunsten von Produzenten in Ländern mit geringeren Klimastandards und hohem fossilem Energieeinsatz. Ohne international koordinierte Regeln konzentrieren sich industrielle Kapazitäten tendenziell dort, wo Klimaschutz am wenigsten kostet – mit einem insgesamt höheren CO₂-Fußabdruck.

Die EU hat diese Problematik erkannt und versucht gegenzusteuern. Ein zentrales Instrument ist der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM), also ein CO₂-Grenzausgleich für importierte Güter wie Stahl, Zement oder Aluminium. Ziel ist es, für diese Produkte einen vergleichbaren CO₂-Preis wie innerhalb der EU anzusetzen. Dadurch soll Carbon Leakage unattraktiver werden und zudem ein Anreiz für Produzenten in Drittstaaten entstehen, ihre Prozesse zu dekarbonisieren. Gleichzeitig schützt das Instrument europäische Hersteller vor Wettbewerbsnachteilen – ebenfalls ein wesentlicher Zweck. Denn ohne industrielle Basis in Europa fehlt auch der Motor für Innovationen, die später weltweit zur Dekarbonisierung beitragen können. Ob und wie reibungslos sich der CO₂-Grenzausgleich im globalen Handelssystem etablieren lässt, wird allerdings auch von der Reaktion großer Handelspartner wie den USA oder China abhängen.

Europas strenge Klimapolitik kann ohne begleitende globale Standards dazu führen, dass Produktion und damit CO₂-Emissionen in Regionen mit geringeren Klimaschutzauflagen wachsen. Politische Gegenmaßnahmen wie der CO₂-Grenzausgleich und internationale Abkommen sind wichtige Schritte, um diesen Effekt zu begrenzen und globale Emissionen effektiv zu reduzieren – sonst retten wir am Ende nur die Statistik, nicht das Klima. Fest steht also: Eine ambitionierte Klimapolitik in Europa ist notwendig, reicht aber allein nicht aus. Ohne begleitende internationale Mindeststandards oder vergleichbare CO₂-Preissysteme besteht die Gefahr, dass Emissionen lediglich verlagert statt reduziert werden. Dann sinken zwar die Zahlen in europäischen Statistiken, während sich die globale Erderwärmung weiter beschleunigt.

Für nachhaltige Anleger:innen ergeben sich daraus wichtige Schlussfolgerungen. Der Blick sollte sich nicht nur auf regionale Emissionskennzahlen beschränken, sondern die gesamte Wertschöpfungskette berücksichtigen. Besonders groß ist der Hebel zur CO₂-Reduktion oft bei Veranlagungen in Schwellenländern (Emerging Markets). Die Wahl eines nachhaltigen Emerging Markets Fonds kann daher eine entsprechend große Wirkung entfalten. Unternehmen weisen dort häufig eine höhere Kohlenstoffintensität auf, sodass bereits moderate Effizienzsteigerungen oder Investitionen in erneuerbare Energien erhebliche Emissionsminderungen bewirken können. Nachhaltige Kapitalströme können somit einen spürbaren Beitrag leisten – nicht nur zur Verbesserung von ESG-Kennzahlen, sondern zur tatsächlichen Senkung globaler Emissionen.

Autor:

Dr. Bernhard Huber, CPM, CEFA
Wertpapier Produktmanagement

Stand: 1. März 2026

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