Finanzmarktkommentar

Das Fundament für grünen Zement

Klimaneutraler Zement gilt als einer der schwierigsten Bausteine der Energiewende. Der Grund liegt in der Chemie: Bei der Herstellung von Klinker, dem Hauptbestandteil von Zement, wird Kalkstein auf rund 1.450 Grad erhitzt. Dabei entsteht CO₂ nicht nur durch den hohen Energieeinsatz, sondern vor allem durch die chemische Reaktion selbst.

Rund 60 Prozent der Emissionen stammen aus dieser sogenannten Kalzinierung und lassen sich auch mit erneuerbarer Energie nicht vermeiden. Zement zählt deshalb zu den besonders schwer zu dekarbonisierenden Industrien, verursacht aber zugleich rund sieben bis acht Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen

Die EU erhöht den Druck auf die Branche und durch den Emissionshandel steigen die CO₂-Kosten kontinuierlich. Gleichzeitig ist der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus CBAM seit 2026 vollständig in Kraft. Der Import CO₂-intensiver Produkte wird dadurch mit vergleichbaren Klimakosten belastet wie europäische Produktionsunternehmen. Das schützt die heimische Zementindustrie vor Wettbewerbsnachteilen und macht Investitionen in klimafreundliche Technologien wirtschaftlich attraktiver.

Große europäische Konzerne wie Heidelberg Materials und Holcim setzen deshalb auf mehrere Hebel gleichzeitig. Neben effizienteren Öfen, alternativen Brennstoffen und neuen Rezepturen spielt vor allem die CO₂-Abscheidung und -Speicherung (CCUS) eine Schlüsselrolle. Heidelberg Materials hat im norwegischen Brevik die weltweit erste industrielle CO₂-Abscheideanlage in einem Zementwerk errichtet. Langfristig sollen dort jährlich bis zu 400.000 Tonnen CO₂ abgeschieden werden – etwa die Hälfte der Emissionen des Werks. Der Prozess bleibt jedoch anspruchsvoll. Medien berichten über technische Herausforderungen beim Hochlauf und geringere Einsparungen als ursprünglich erwartet. Heidelberg Materials verweist dagegen auf den Charakter eines industriellen Pionierprojekts und spricht von einer planmäßigen Anlaufphase. Holcim verfolgt daher bewusst mehrere Ansätze und testet unterschiedliche Verfahren zur Kohlenstoffabscheidung, unter anderem im neuen CaptureLab in Frankreich.

Für Anleger:innen ist die Entwicklung von großer Bedeutung. Gelingt die Dekarbonisierung nicht, könnten langfristig Marktanteile an klimafreundlichere Baustoffe verloren gehen. Dazu zählen Holzbau, Lehm, Kalkbaustoffe oder CO₂-ärmere Bindemittel. Vor allem im Wohnungsbau nimmt deren Einsatz zu.

Die Dekarbonisierung der Zementindustrie wird hohe Investitionen erfordern und kurzfristig mit Risiken verbunden sein. Gleichzeitig könnten europäische Hersteller von steigenden CO₂-Preisen, regulatorischem Schutz und einer wachsenden Nachfrage nach klimafreundlichen Baustoffen profitieren. Unternehmen mit technologischer Führungsrolle dürften ihre Wettbewerbsposition stärken und langfristig möglicherweise höhere Margen erzielen. Grüner Zement bleibt zwar teuer und technisch anspruchsvoll, könnte sich für Europas große Hersteller jedoch als strategischer Wettbewerbsvorteil erweisen.

Autor:

Dr. Bernhard Huber, CPM, CEFA
Wertpapier Produktmanagement

Stand: 1. Juli 2026

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