Wir geben Ihnen im Marktkommentar einen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen auf den internationalen Finanzmärkten.
Die neue Zinsrealität
Die Zeit des vorsichtigen Hoffens auf weiter sinkende Zinsen, sowohl dies- als auch jenseits des Atlantiks - scheint vorerst vorbei zu sein. Die Europäische Zentralbank (EZB) als auch die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) haben im September ihre geldpolitische Richtung verändert - und zwar mit einem Zinsschritt nach oben.
Die EZB erhöhte am 10. September ihren Leitzins um weitere 0,25 Prozentpunkte. Damit liegt der Einlagensatz bei 2,50 Prozent. Begründet wurde der Schritt vor allem mit dem erneuten Inflationsdruck infolge des Kriegs im Nahen Osten und höherer Energiepreise. Die amerikanische Notenbank folgte am 16. September und hob ihre Zielspanne für den Leitzins ebenfalls um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent an. Auch sie verwies auf weiterhin erhöhte Inflationsrisiken, zugleich aber auch auf eine robuste US-Konjunktur, kräftige Produktivitätszuwächse und hohe Investitionen.
Für die EZB scheint die Lage besonders unangenehm, denn die Wirtschaft des Euroraums zeigte sich zuletzt robuster als erwartet, gleichzeitig bleibt die Inflation aber deutlich über dem Ziel von 2,00 Prozent. Die Währungshüter:innen rechnen inzwischen im Jahresdurchschnitt für heuer mit 3,00 Prozent Inflation, für das Jahr 2027 mit 2,50 Prozent und erst im Jahr 2028 mit 2,10 Prozent. Auch die sogenannte Kerninflation, die Energie und Lebensmittelpreise ausklammert, soll zunächst erhöht bleiben. All das spricht gegen weitere Zinssenkungen. Allerdings wollen sich die Notenbanker:innen ausdrücklich nicht auf einen festen Zinspfad festlegen. Sie werden von Sitzung zu Sitzung entscheiden und dabei vor allem beobachten, ob sich die höheren Energiepreise auf Löhne, Dienstleistungen und andere Preise übertragen.
In den USA ist der Kurswechsel noch deutlicher. Die Fed hat erstmals seit rund drei Jahren wieder die Zinsen angehoben. Ausschlaggebend dafür sind eine weiterhin zu hohe Inflation und eine Wirtschaft, die sich bisweilen robuster entwickelt als erwartet. Diese Entwicklung ist vorwiegend den soliden US-Konsumausgaben und dem KI-Boom geschuldet. Nach deren neuesten Prognosen dürfte die Inflation in diesem Jahr bei 3,70 Prozent liegen und im nächsten Jahr auf 2,30 Prozent zurückgehen. Erst 2028 wird mit einer Annäherung an das Zwei-Prozent-Ziel gerechnet. Die derzeitigen Projektionen der geldpolitisch Verantwortlichen deuten zudem auf einen weiteren Zinserhöhungsschritt noch in diesem Jahr hin.
Die entscheidende Erkenntnis aus alledem lautet, dass die erhöhte Inflation noch nicht überwunden ist, sondern durch neue Energie- und geopolitische Schocks wieder aufflammen kann. Für die Notenbanken bedeutet dies, dass sie zukünftig deutlich vorsichtiger mit Zinssenkungen umgehen müssen, als es die Finanzmärkte noch vor wenigen Monaten erwartet hatten. Gleichzeitig unterscheidet sich jedoch die Ausgangslage hierzulande von der in den USA. Die Fed sieht sich aktuell mit einer dynamischen US-Wirtschaft konfrontiert und kann sich deshalb stärker auf die Inflationsbekämpfung konzentrieren. Die EZB muss dagegen stärker auf das doch noch eher fragile Wachstum im Euroraum Rücksicht nehmen. Ein aggressiver Zinserhöhungszyklus ist daher keineswegs vorprogrammiert. Wahrscheinlicher scheint zunächst eine Phase des Abwartens, in der die Notenbanken prüfen, ob der jüngste Inflationsschub vorübergehender Natur war, oder sich dauerhaft in der Wirtschaft festsetzt.
Für Anleger:innen und Kreditnehmer:innen ergibt sich daraus eine neue geldpolitische Realität. Eine Rückkehr zu extrem niedrigen Zinsen scheint in absehbarer Zeit wenig realistisch, denn der Kampf gegen die erhöhte Inflation ist noch nicht gewonnen, und die Notenbanken wollen nicht den Fehler machen, zu früh Entwarnung zu geben. Für uns alle bedeutet dies vor allem eines. Mit einer schnellen Rückkehr zu extrem niedrigen Zinsen sollte man vorerst nicht rechnen.
Autor:
Mag. Andreas Brunbauer, CEFA, CFTe, CPM
Kapitalmarktstratege
Stand: 1. Oktober 2026
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