Marktkommentar
HYPO Marktkommentar

Wir geben Ihnen im Marktkommentar einen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen auf den internationalen Finanzmärkten.

Zwischen Inflation und Konjunktur

Vor einer schwierigen Entscheidung stand die Europäische Zentralbank (EZB) auf ihrer letzten Zinssitzung vom 23. Juli, blieb ihrem derzeitigen Kurs aber vorerst einmal treu. 

Demzufolge haben die Notenbanker:innen die Leitzinsen unverändert gelassen. Nach der bereits erfolgten Zinserhöhung vom Juni - auf einen Einlagensatz von aktuell 2,25 Prozent - wollen sie zunächst einmal abwarten und beobachten, wie sich die jüngste zinspolitische Entscheidung auf Inflation und Konjunktur auswirken wird. Damit senden die Währungshüter:innen ein klares Signal, demnach die Bekämpfung der Inflation weiterhin Vorrang genießt, aber gleichzeitig die ohnehin schwache Wirtschaft nicht durch überhastete weitere Zinserhöhungen zusätzlich belastet werden soll.

Die Ausgangslage ist anspruchsvoll. Noch vor wenigen Monaten schien die Inflation im Euroraum dauerhaft unter Kontrolle zu sein. Inzwischen haben jedoch steigende Energiepreise infolge der geopolitischen Spannungen im Nahen und Mittleren Osten den Preisdruck erneut erhöht. So lag im Juni die Inflationsrate bei 2,8 Prozent und damit weiterhin deutlich über dem EZB-Ziel für Preisstabilität von zwei Prozent. Besonders die höheren Kosten für Öl und andere Energieträger könnten sich in den kommenden Monaten auch auf Transport, Produktion und letztendlich auf weitere Güter des täglichen Bedarfs auswirken. Dennoch spricht vieles dafür, dass die Teuerung mittelfristig wieder nachgeben wird. Die EZB rechnet derzeit im laufenden Jahr mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von drei Prozent, bevor diese im Jahr 2027 auf 2,3 Prozent und 2028 auf den Zielwert von zwei Prozent sinken soll. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich die Energiepreise stabilisieren und keine neuen externen Schocks auftreten.

Dies bedeutet für Unternehmen und Konsumenten:innen, dass die Phase rasch sinkender Zinsen vorerst beendet sein dürfte. Im Gegenteil; sollten die Energiepreise hoch bleiben oder weiter ansteigen, könnten die Verantwortlichen im EZB-Tower in Frankfurt bereits im September erneut an der Zinsschraube nach oben drehen. Aufgrund der vierteljährlichen Prognosen des EZB-Stabs zu Inflation und Konjunkturaussichten einschließlich mehrerer Unternehmensumfragen gilt die September-Sitzung als natürlicher Zeitpunkt für einen weiteren Zinsschritt. Sieht man sich die eingepreisten Zinserwartungen an den Finanzmärkten genauer an, so halten diese eine weitere Zinserhöhung für sehr wahrscheinlich, wenngleich sie derzeit nicht mit einer Serie deutlicher Anhebungen in den Folgemonaten bis Jahresende rechnen. Vielmehr dürften die Notenbanker:innen weiterhin datenbasiert von Sitzung zu Sitzung entscheiden und sich konsequent an den jeweils aktuellen Konjunktur- und Inflationsdaten orientieren.

Für Sparer:innen ist das zunächst eine gute Nachricht, denn Termingelder und die Zinsen auf den Sparbüchern dürften auf einem attraktiven Niveau bleiben. Kreditnehmer:innen müssen dagegen damit rechnen, dass Finanzierungen für Immobilien oder sonstige langfristige Anschaffungen teurer bzw. vorerst zumindest nicht günstiger werden. Insgesamt befindet sich die Europäische Zentralbank - wie bereits eingangs in der Headline des Artikels angedeutet - in einem schwierigen Spannungsfeld. Einerseits muss sie verhindern, dass sich die Inflation erneut festsetzt, andererseits darf sie aber die wirtschaftliche Erholung im Euroraum nicht abwürgen. Die Entscheidung von Ende Juli zeigt deshalb vor allem eines. Die Zeit klarer Zinssignale scheint vorerst einmal vorbei zu sein. Stattdessen wird vielmehr die Unsicherheit über die Entwicklung der Energiepreise, geopolitische Risiken und der weitere Inflationspfad den geldpolitischen Kurs der kommenden Monate bestimmen.Autor:                                                                                       

Mag. Andreas Brunbauer, CEFA, CFTe, CPM
Kapitalmarktstratege

Stand: 1. August 2026

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