Wir geben Ihnen im Marktkommentar einen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen auf den internationalen Finanzmärkten.
EZB-Zinserhöhung im Juni…
… scheint aktuell eine ausgemachte Sache zu sein. Doch geht es am 11. Juni für die Europäische Zentralbank (EZB) nicht nur um 25 Basispunkte. Vielmehr muss die Notenbank zeigen, dass sie aus dem Inflationsschock des Jahres 2022 gelernt hat.
Dies jedoch ohne ins gegenteilige Extrem zu kippen und einen importierten Energiepreisschock geldpolitisch zu überkompensieren. Eine zu aggressive Antwort würde die ohnehin fragile Konjunktur Europas womöglich in die Rezession kippen und politisch zumindest in jenen Mitgliedsstaaten Widerstand erzeugen, die fiskalisch bereits jetzt stark gefordert sind. Aber gar nichts zu tun, ist vermutlich auch keine Option mehr.
Noch Ende April auf der letzten Notenbanksitzung hat die Europäische Zentralbank die Leitzinsen unverändert gelassen und signalisiert, dass sie mehr Zeit benötigt, um die wirtschaftlichen Auswirkungen des Iran-Kriegs zu bewerten. Ähnlich gelagert waren die Aussagen der anderen großen Notenbanken (Fed, Bank of England und Bank of Japan), die auf ihren letzten Zinssitzungen ebenfalls stillhielten und keine Änderung des Leitzinses vornahmen. In der Eurozone blieb der Einlagensatz somit zum siebenten Mal hintereinander unverändert bei 2,0 Prozent und liegt damit weiterhin auf dem Niveau von vor rund einem Jahr (Juni 2025). Die Währungshüter:innen bekräftigten, weiterhin von Sitzung zu Sitzung auf Basis eingehender Daten zu handeln, wobei sich die Aufwärtsrisiken für die Inflation und die Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum erhöht haben.
Nichtsdestotrotz signalisierte EZB-Präsidentin Christine Lagarde, dass die Europäische Zentralbank im Juni eine mögliche Zinserhöhung prüfen wird, nachdem die geldpolitisch Verantwortlichen eine solche Maßnahme auf der letzten Zinssitzung Ende April diskutiert und verworfen haben. Zwar hätten sich die Notenbanker:innen noch nicht auf einen definitiven Kurs festgelegt - weitere Daten seien noch nötig, um die Folgen des Iran-Konflikts abzuschätzen - doch es wird zunehmend wahrscheinlicher, dass sich die Menschen auf eine längere Phase breit angelegter Preissteigerungen bei zugleich sichtbar schwächerem Wachstum im Euroraum einstellen müssen.
Folglich erwarten die meisten Ökonom:innen und Investor:innen für den Monat Juni eine Anhebung des Leitzinses um 0,25 Prozentpunkte. Die Finanzmärkte haben die Zinswende längst eingepreist. Die Rendite zehnjähriger deutscher Bundesanleihen kletterte Mitte Mai auf knapp 3,2 Prozent - das höchste Niveau seit Mai 2011 - um danach jedoch wieder Richtung 3,0 Prozent zu fallen. Investor:innen preisen mittlerweile vollständig zwei bis drei Zinserhöhungen für das laufende Jahr 2026 ein. Die Wahrscheinlichkeit für den ersten Schritt im Juni liegt derzeit bei rund 90 Prozent. Im Vergleich zu den Zinserhöhungen in den Jahren 2022/23 tritt die Europäische Zentralbank im Jahr 2026 hingegen mit einem deutlich höheren Zinsniveau in den aktuellen Teuerungsschock ein und kann sich zusätzlich auf eine Anleihemarktreaktion stützen, die den geldpolitischen Pfad bereits zu disziplinieren versucht. „Zwar könne die EZB wenig tun, um den direkten Inflationsschub durch den Energieschock auszugleichen. Höhere Öl- und Gaspreise würden sich aber unweigerlich auch auf den Rest der Wirtschaft auswirken“, so die Verantwortlichen aus dem EZB-Tower in Frankfurt.
Trotz alledem gab es ermutigende Nachrichten zu den Aussichten, dass die Teuerung wieder auf 2,0 Prozent zurückgehen soll. Eine von der EZB veröffentlichte Umfrage zeigte, dass professionelle Prognostiker:innen wegen des Kriegs nur einen vorübergehenden Anstieg der Inflation erwarten. Für dieses Jahr rechnen sie mit einer durchschnittlichen Teuerung von 2,7 Prozent, für die Jahre 2027 und 2028 mit einem Rückgang auf 2,1 Prozent beziehungsweise 2,0 Prozent - dem Geldwertstabilitätsziel der Notenbank. Noch zeigen sich einige Ratsmitglieder:innen laut einschlägiger Berichte unentschlossen. Beschleunigt sich die Diplomatie zwischen Washington und Teheran in den kommenden Wochen jedoch nicht, dürfte ihre Position peu a peu erodieren. Falls aber doch noch eine Einigung aus dem Hut gezaubert wird, dann bleibt es vielleicht bei lediglich einer einzigen Zinserhöhung. Es bleibt somit spannend.
Autor:
Mag. Andreas Brunbauer, CEFA, CFTe, CPM
Kapitalmarktstratege
Stand: 1. Juni 2026
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